
10. Scharrliestohn!







Scharrliestohn!
Der neumodische Tanz
Im Dorf war wieder einmal großes Fest.
Der Freundschaftsclub „Kalte Beine“ feierte sein Stiftungsfest, und wie jedes Jahr sollte dabei getanzt werden. Doch diesmal hatte der Vorsitzende Richard etwas ganz Besonderes angekündigt: Eine neue Tanzmode sollte vorgestellt werden, von der bereits in den Zeitungen berichtet wurde.
Natürlich war das ganze Dorf neugierig.
Schon lange vor Beginn füllte sich der Saal. Die Leute wollten wissen, was Richard da wieder ausgegraben hatte. Als schließlich die Musik spielte und die Tanzfläche freigemacht wurde, trat eine Gruppe Freiwilliger in die Mitte.
Der neue Tanz hieß:
Scharrliestohn.
Niemand wusste so recht, was das eigentlich sein sollte.
Die ersten Tänzer legten los. Einer hüpfte wie ein Wildschwein über die Tanzfläche, ein anderer ruderte mit Armen und Beinen, als wolle er schwimmen. Wieder ein anderer schrie dabei sogar noch irgendwelche seltsamen Silben vor sich hin.
Die Zuschauer starrten ungläubig.
„Wenn das Tanzen sein soll, dann bleibe ich lieber sitzen!“, murmelte eine ältere Frau.
Doch gerade das machte den Reiz aus.
Je verrückter die Bewegungen wurden, desto mehr lachten die Leute.
Bald wollte jeder den neuen Tanz ausprobieren. Sogar Storbils Rese, die sonst nicht gerade für ihre Eleganz bekannt war, stellte sich mutig auf die Tanzfläche. Sie trug ihre beste Bluse und war fest entschlossen, den modernen Tanz zu lernen.
Neben ihr versuchte sich ein selbsternannter „Professor“ an den neuesten Schritten. Er trug geschniegelt seine Brille und tat so, als hätte er den Tanz erfunden. Doch was er vorführte, sah eher nach einem Kampf gegen unsichtbare Gegner aus als nach Tanzen.
Die Musik wurde schneller.
Immer mehr Menschen drängten auf die Tanzfläche.
Bald stolperten die Tänzer ineinander, drehten sich in die falsche Richtung und traten sich gegenseitig auf die Füße. Der Saal wurde heiß, die Gesichter rot und die Stimmung immer ausgelassener.
Dann geschah das Unvermeidliche.
Rese geriet mit dem „Professor“ aneinander. Beide wollten dieselbe Figur tanzen, verstanden aber völlig unterschiedliche Schritte darunter. Es wurde geschoben, gezogen und gedreht, bis schließlich niemand mehr wusste, wer eigentlich wen führte.
Die Zuschauer brüllten vor Lachen.
Selbst Ernst, der sonst eher still war, konnte sich kaum noch halten.
Am Ende tanzten Rese und der Professor quer durch den Saal, stießen gegen Tische und Stühle und brachten die gesamte Gesellschaft durcheinander. Der berühmte Scharrliestohn war endgültig außer Kontrolle geraten.
Als die Musik endlich verstummte, waren alle erschöpft.
Die Haare saßen schief, die Kleidung war zerknittert und niemand sah mehr so geschniegelt aus wie zu Beginn des Abends.
Doch eines stand fest:
Noch nie hatte das Dorf bei einem Tanz so viel gelacht.
Und so wurde der Scharrliestohn noch lange weitererzählt – nicht weil jemand die Schritte beherrscht hätte, sondern weil niemand sie verstanden hatte.


