Geschichte 9 Storbils auf dem Christmarkt

9. Storbils auf dem Christmarkt

Storbils auf dem Christmarkt

Nachdem Rese und Ernst endlich in Weißenfels angekommen waren, begann das eigentliche Abenteuer erst.

Schon am Bahnhof hatte Rese ihrem Mann eingeschärft:

„Bleib dicht hinter mir! In so einer großen Stadt verliert man sich schneller, als man denkt.“

Ernst nickte gehorsam und trottete hinter ihr her. Doch die vielen Eindrücke lenkten beide ständig ab. Überall blinkten Schaufenster, Händler priesen ihre Waren an, und die Straßen waren voller Menschen.  

In der Galandstraße entdeckte Rese plötzlich ein großes Schild:

„Fahrradvertrieb Saale“

Sie las den Schriftzug laut vor und überlegte ernsthaft, ob dort wohl Fahrräder direkt in die Saale geworfen würden. Ernst versuchte ihr zu erklären, was wirklich gemeint war, doch Rese hatte längst die nächste Entdeckung gemacht.  

Vor einem Geschäft stand ein Verkäufer namens Juste.

Kaum hatte Rese ihn erkannt, zog sie Ernst hinter sich her.

„Komm schnell! Vielleicht finden wir hier etwas Schönes!“

Während Rese mit dem Händler sprach, betrachtete Ernst neugierig die Auslagen. Dabei griff er versehentlich nach einem Schaufensterstück, das gar nicht zum Verkauf bestimmt war. Plötzlich hatte er einen dekorativen Weihnachtskuchen in der Hand, der nur zur Dekoration gedacht war.  

Der Geschäftsinhaber trat sofort heraus.

„Meine Herrschaften, Sie versperren ja den Eingang!“

Rese wurde rot vor Verlegenheit und zog Ernst weiter. Doch lange hielt ihre Scham nicht an.

Wenig später begegneten sie einigen frierenden Kindern. Mitleidig drückte Rese ihnen den Weihnachtskuchen in die Hände und forderte sie auf, ihn sich schmecken zu lassen. Die Kinder nahmen das Geschenk begeistert an.  

Die beiden zogen weiter über den Markt.

An einer Ecke stand ein Christbaumverkäufer. Rese blieb sofort stehen.

„Was kostet so ein schöner Baum?“

Der Händler nannte einen Preis, doch Rese verstand die Antwort völlig falsch. Sie glaubte, der Mann wolle ihr den Baum schenken, und bedankte sich überschwänglich. Der Verkäufer wusste zunächst gar nicht, wie ihm geschah.

Noch ehe das Missverständnis aufgeklärt werden konnte, zog Rese Ernst weiter.

Kurz darauf stießen sie auf einen Mann mit einer Drehorgel. Ernst durfte sogar einmal selbst spielen. Voller Begeisterung drehte er an der Kurbel, während die Leute ringsum lachten. Doch plötzlich spielte die Orgel einen schrägen Ton nach dem anderen. Die Zuschauer amüsierten sich prächtig, und ein frecher Junge rief:

„Der ist wohl aus dem Affenhaus entlaufen!“  

Rese war empört.

„Freches Bürschchen!“, schimpfte sie und zog Ernst erneut weiter.

Langsam wurde es dunkel. Die Menschen strömten durch die Straßen, und überall leuchteten die Weihnachtslichter. Rese und Ernst hatten inzwischen genug erlebt, um noch jahrelang davon zu erzählen.

Als sie schließlich wieder zum Bahnhof zurückkehrten, waren beide erschöpft.

Rese schimpfte zwar noch über die unfreundlichen Großstädter, doch insgeheim hatte ihr der Ausflug gefallen. Ernst war ohnehin zufrieden. Schließlich hatte er einen Weihnachtsmarkt gesehen, eine Drehorgel gespielt und mehr Abenteuer erlebt, als er erwartet hatte.  

Zu Hause angekommen, stellten sie allerdings fest, dass der Hund inzwischen mehrere Hüte zerbissen hatte und sich im Haus ein heilloses Durcheinander ausgebreitet hatte.

Da wusste Rese:

Manchmal ist es doch am schönsten, wieder daheim zu sein.