
7. Die Schulprobe





Die Schulprobe
In unserer Gegend gab es einst einen Damenverein, dessen Mitglieder sich regelmäßig trafen, um Neuigkeiten auszutauschen, Kaffee zu trinken und über alles Mögliche zu sprechen. Manche behaupteten sogar, das Reden sei der eigentliche Zweck des Vereins gewesen.
Zu den eifrigsten Mitgliedern gehörte Alma Knatterich.
Eines Tages hatte sie eine besonders originelle Idee.
„Wir treffen uns doch ständig zum Kaffeetrinken“, erklärte sie den anderen Frauen. „Warum veranstalten wir nicht einmal eine richtige Schulprobe? So wie früher in der Schule! Jede muss zeigen, was sie weiß.“
Die anderen fanden den Vorschlag großartig.
Schon bald wurde ein Termin festgelegt. Kaffee und Kuchen waren selbstverständlich eingeplant, doch der Höhepunkt sollte die Prüfung sein. Besonders gespannt war man auf Hulda, die kurz vor ihrer Hochzeit stand und von ihrer Mutter als ausgesprochen klug gepriesen wurde.
Am Nachmittag versammelten sich die Damen.
Der Kaffeetisch war festlich gedeckt, und in der Mitte stand ein großer Kuchen, den Hulda selbst angeschnitten hatte. Die Frauen nahmen Platz und warteten gespannt auf die Aufgaben.
Zunächst lief alles gut.
Doch plötzlich bemerkte eine der Frauen etwas Seltsames.
Im Kuchen befand sich ein großes Stück Stoff.
Verwundert zog sie daran.
Da stellte sich heraus, dass mitten im Kuchen ein Tuch eingebacken worden war. Niemand wusste zunächst, wie es dorthin gekommen war. Die Damen schauten einander an, als hätten sie gerade ein großes Verbrechen aufgedeckt.
Hulda wurde kreidebleich.
Ihre Mutter versuchte die Sache herunterzuspielen, doch die anderen Frauen begannen bereits zu tuscheln.
„So etwas habe ich ja noch nie erlebt!“
„Mitten im Kuchen!“
„Das kann doch nicht wahr sein!“
Die Aufregung wurde immer größer. Hulda wäre am liebsten im Boden versunken.
Schließlich beschloss man, den Kuchen trotzdem weiter zu verteilen.
Jede Dame erhielt ein Stück.
Doch kaum hatten die ersten einen Bissen genommen, bemerkten sie den nächsten merkwürdigen Geschmack.
Der Kuchen schmeckte deutlich nach Mottenkugeln.
Nun brach endgültig das Chaos aus. Einige verzogen das Gesicht, andere legten ihre Gabel sofort weg, und wieder andere versuchten höflich zu bleiben, obwohl ihnen der Appetit vergangen war.
Hulda verstand die Welt nicht mehr.
Sie hatte den Kuchen mit größter Sorgfalt gebacken. Wie konnte so etwas passieren?
Erst nach und nach kam die Wahrheit ans Licht.
Beim Backen hatte man versehentlich eine Schachtel mit Mottenmitteln mit den Zutaten verwechselt. Außerdem war das Tuch, das später im Kuchen auftauchte, unbemerkt in den Teig geraten.
Die Damen konnten sich vor Lachen kaum noch halten.
Was als feierliche Schulprobe begonnen hatte, war zu einer der größten Blamagen geworden, die der Verein jemals erlebt hatte.
Hulda und ihre Mutter waren zunächst zutiefst beschämt. Doch als sie sahen, wie die anderen Tränen lachten, mussten schließlich auch sie schmunzeln.
Noch Jahre später erinnerte man sich an jenen Nachmittag.
Wenn die Frauen wieder einmal zusammenkamen und jemand einen Kuchen mitbrachte, dauerte es nie lange, bis eine der älteren Damen fragte:
„Ist diesmal wirklich kein Tuch darin?“
Und jedes Mal brach die ganze Gesellschaft erneut in Gelächter aus.


