Geschichte 5 Die geplatzte Verlobung

5. Die geplatzte Verlobung

Die geplatzte Verlobung

In Weißenfels sprach damals jeder über die Verlobung von Anna und ihrem Bräutigam.

Die beiden waren schon lange ein Paar. Der junge Mann arbeitete weit weg und reiste viel herum. Mal war er in Palästina, mal in Köln, und nur selten konnte er nach Hause kommen. Trotzdem hielten die beiden treu zueinander und freuten sich auf ihre gemeinsame Zukunft.  

Als endlich die Nachricht kam, dass die Verlobung gefeiert werden sollte, war die Freude groß. Anna erhielt Briefe von ihrem zukünftigen Mann, die sie immer wieder las. Die Familie bereitete alles vor, und das ganze Haus wurde festlich geschmückt. Überall sah man Hoffnungsgrün: Girlanden, Bänder und frische Zweige. Sogar die Fenster und Türen wurden geschmückt.  

Am großen Tag versammelten sich Verwandte, Nachbarn und Freunde. Die Stimmung war ausgelassen. Man lachte, erzählte Geschichten und wartete gespannt auf den Bräutigam.

Dann geschah das Unglück.

Mitten in den Vorbereitungen fiel Anna plötzlich auf, dass ihre Verlobungsunterlagen verschwunden waren. Die Brieftasche mit wichtigen Papieren, die Ringe und sogar einige persönliche Dinge waren nicht mehr auffindbar.  

Sofort brach Aufregung aus.

Die Frauen durchsuchten Schränke und Kommoden. Die Männer sahen im Garten, im Hof und sogar auf dem Dachboden nach. Jeder hatte eine andere Vermutung.

Einige glaubten an Diebe.

Andere meinten, jemand habe sich einen schlechten Scherz erlaubt.

Je länger die Suche dauerte, desto nervöser wurde Anna. Sie lief von Zimmer zu Zimmer, rang die Hände und wusste nicht mehr, was sie tun sollte.

Gerade als die Stimmung ihren Tiefpunkt erreicht hatte, erschien endlich der Bräutigam. Er ahnte zunächst nichts von dem Chaos.

Doch als er die aufgeregten Gesichter sah, wurde ihm schnell klar, dass etwas nicht stimmte. Gemeinsam suchte man weiter.

Schließlich stellte sich heraus, dass die vermissten Sachen keineswegs gestohlen worden waren. Irgendjemand hatte sie versehentlich an einen völlig falschen Ort gelegt. Die ganze Aufregung war umsonst gewesen.  

Kaum war alles wiedergefunden, verwandelte sich die Sorge in Gelächter.

Die Verlobungsfeier konnte endlich beginnen.

Die Gäste stießen auf das junge Paar an, Musik wurde gemacht, und bis tief in die Nacht wurde gefeiert. Der Bräutigam verabschiedete sich später herzlich von seiner zukünftigen Schwiegermutter, die ihm vor lauter Freude einen Kuss gab, dass ihm beinahe die Sprache wegblieb.  

Am nächsten Morgen fanden die Verwandten schließlich noch eine kleine Überraschung: Jemand hatte heimlich eine Karte hinterlassen.

Darauf stand sinngemäß:

„Eure Hochzeit wird sicher stattfinden.
Schimpft nicht und streitet nicht.
Das Fest war schön –
aber mit der Liebe ist es vorbei!“

Natürlich war auch das nur ein Scherz. Doch die Geschichte von der beinahe gescheiterten Verlobung wurde im Dorf noch lange weitererzählt.