
3. Eine gruselige Walpurgisnacht





Eine gruselige Walpurgisnacht
Im Dorf gab es einen Mann namens Meise, der für zwei Dinge bekannt war: Er glaubte beinahe alles, was man ihm erzählte, und vor Hexen, Geistern und anderen unheimlichen Gestalten hatte er einen Heidenrespekt.
Als die Walpurgisnacht näher rückte, wussten die Dorfjungen sofort, wer in diesem Jahr ihr Opfer werden sollte.
Schon Tage vorher schmiedeten sie Pläne. Die Nacht zum ersten Mai war schließlich die beste Gelegenheit für allerlei Streiche. Alte Bettlaken wurden zusammengesucht, Ketten organisiert und sogar eine ausgehöhlte Rübe vorbereitet, in der später ein Licht flackern sollte.
Meise ahnte von alledem nichts.
Am Abend saß er noch gemütlich in der Schenke. Dort wurde natürlich über die Walpurgisnacht gesprochen. Einer erzählte von Hexen, die über die Felder fliegen würden. Ein anderer berichtete von seltsamen Lichtern auf dem Friedhof.
Je später es wurde, desto unheimlicher wurden die Geschichten.
Meise versuchte zwar, sich nichts anmerken zu lassen, doch innerlich wurde ihm immer mulmiger zumute.
Als er schließlich den Heimweg antrat, war das Dorf bereits still geworden. Über den Feldern lag leichter Nebel, und der Wind ließ die Bäume rauschen.
Plötzlich blieb Meise stehen.
Vor ihm schimmerte etwas Weißes im Dunkeln.
Er blinzelte.
Da bewegte sich die Gestalt.
Meise spürte, wie ihm das Herz bis zum Hals schlug.
Langsam kam das weiße Wesen näher. Dahinter erschien noch eine zweite Gestalt. Dann eine dritte.
Für Meise gab es keinen Zweifel mehr:
Die Hexen waren unterwegs.
Mit einem erschrockenen Aufschrei drehte er sich um und rannte los. Dabei verlor er beinahe seinen Hut und stolperte mehr als einmal über den unebenen Weg.
Hinter ihm erklang plötzlich ein schauriges Kettenrasseln.
Das gab seinen Beinen den letzten Antrieb.
So schnell war Meise wahrscheinlich sein ganzes Leben noch nicht gelaufen.
Die Jungen, die sich unter den Bettlaken versteckten, konnten sich kaum noch halten vor Lachen.
Doch der eigentliche Spaß begann erst am nächsten Morgen.
Schon früh erzählte Meise jedem, der es hören wollte, von seiner Begegnung mit den Hexen. Er beschrieb die weißen Gestalten so überzeugend, dass einige Dorfbewohner tatsächlich unsicher wurden.
Bald sprach das halbe Dorf darüber.
Die Jungen hörten sich alles an und genossen ihren Erfolg.
Als schließlich herauskam, wer hinter den Erscheinungen gesteckt hatte, brach überall schallendes Gelächter aus.
Meise war zunächst beleidigt.
Er beteuerte, dass die Gestalten in der Dunkelheit wirklich furchterregend ausgesehen hätten und jeder andere genauso erschrocken wäre.
Doch niemand nahm ihm diese Erklärung ab.
Von da an musste er sich jedes Jahr zur Walpurgisnacht dieselben Späße anhören. Kaum wurde es Ende April, fragten ihn die Leute grinsend:
„Na Meise, hast du die Hexen schon wieder gesehen?“
Und obwohl er sich jedes Mal darüber ärgerte, konnte schließlich auch er selbst darüber lachen.
So blieb die Geschichte von der gruseligen Walpurgisnacht noch lange im Dorf in Erinnerung – und ebenso der Mann, der vor ein paar Bettlaken und rasselnden Ketten die Flucht ergriffen hatte.


