
2. Meier, der Indianer






Meier, der Indianer
Ausgerechnet hieß der Mann Meier. Und das, obwohl er eigentlich überhaupt nichts von einem Meier hatte. Wer ihn zum ersten Mal sah, hätte ihn eher für einen Indianer gehalten.
Er war groß, kräftig gebaut und hatte ein markantes Gesicht. Besonders auffällig war seine Frisur. Während die meisten Männer im Dorf ihre Haare ordentlich trugen, ließ Meier sie wachsen und frisierte sie auf seine ganz eigene Weise. Dadurch sah er für viele Dorfbewohner tatsächlich aus wie ein Häuptling aus einem Abenteuerroman.
Die Kinder hatten ihren Spaß daran. Sobald sie ihn auf der Straße sahen, riefen sie ihm hinterher: „Da kommt der Indianer!“
Meier tat meist so, als höre er es nicht. Innerlich ärgerte er sich jedoch gewaltig. Besonders schlimm wurde es, als sich die Geschichte im ganzen Ort herumsprach und jeder nur noch vom „Indianer“ sprach.
Eines Tages stand ein großes Dorffest bevor. Viele Menschen waren gekommen, und natürlich war auch Meier dabei. Die Dorfjugend hatte sich längst einen neuen Scherz ausgedacht. Sie wollten dem „Indianer“ einen Denkzettel verpassen.
Während des Festes gelang es einigen Burschen, sich an Meiers Hut und seine Kleidung heranzumachen. Heimlich befestigten sie allerlei Schmuckstücke und Federn daran. Als Meier später durch die Straßen ging, bemerkte er zunächst nichts.
Die Leute begannen zu lachen. Einige zeigten mit dem Finger auf ihn. Andere grinsten nur verstohlen.
Meier verstand die Welt nicht mehr.
Erst als er in einer Fensterscheibe sein Spiegelbild sah, erkannte er, was geschehen war. Die Dorfjungen hatten ihn tatsächlich wie einen Indianerhäuptling herausgeputzt.
Vor Wut wurde er knallrot im Gesicht.
Er riss sich die Federn herunter und machte sich sofort auf die Suche nach den Übeltätern. Doch die Jungen hatten längst das Weite gesucht. Überall, wo er auftauchte, hörte er nur Gelächter.
Die Geschichte sprach sich natürlich im ganzen Dorf herum. Wochenlang wurde darüber geredet. Selbst Menschen aus den Nachbarorten erfuhren davon.
Für Meier war das äußerst peinlich.
Mit der Zeit legte sich sein Ärger jedoch. Irgendwann musste sogar er selbst darüber lachen. Schließlich war niemand zu Schaden gekommen, und die Dorfbewohner hatten wieder einmal eine Geschichte, die sie noch jahrelang weitererzählen konnten.So blieb Meier im Gedächtnis des Dorfes nicht nur als ein besonderer Mensch, sondern vor allem als der Mann, den alle nur noch „den Indianer“ nannten.


